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26. Juni 2004

Morgens wache ich schon wieder von prasselndem Regen auf, entscheide prompt, noch etwas länger liegen zu bleiben und im Reiseführer nachzulesen, wohin die Reise denn nun gehen könnte. Norden ist klar, unklar jedoch die Frage, ob die Halbinsel Snæfellsjökull einen Abstecher lohnt, und wie weit ich überhaupt fahren will an diesem Tag. In der Hoffnung auf nachlassenden Regen gibt es dann erst einmal ein ausgiebiges Frühstück und campingplatzkollektives Wundern über Griechenlands Viertelfinalsieg bei der EM. Gegen 10 Uhr wird es freundlicher, das Zelt ist schnell verpackt und auf geht’s Richtung Mosfellsbær.

Islands Ringstraße bei hohem Verkehrsaufkommen

Islands Ringstraße bei hohem Verkehrsaufkommen

Auf der Fahrt nach Reykjavík war ja wegen schlechten Wetters nichts zu sehen, aber nun eröffnen sich längs der Bucht die wunderschönsten Aussichten. Die Straße führt an der Künste entlang, rechts ein Bergkette und bei wechselndem Wolkenspiel ziehen schon kurz hinter Reykjavík nur noch einzelne Höfe vorbei, jeder mit mindestens einer Weide voller Islandpferde.

Eine halbe Stunde von Reykjavík entfernt gibt es zwei Möglichkeiten die Ringstraße weiter zu fahren: Durch einen Tunnel direkt nach Akranes, oder „außen herum“ um den Fjord. Ich entscheide mich für die zweite Möglichkeit, zum einen, weil die Zeit nicht drängt und zum anderen, weil am Ende des Fjordes der höchste Wasserfall Islands auf mich wartet, laut Reiseführer. Also abbiegen auf die kleinere alte Straße und am Fjord entlang. Da Tobi bekanntermaßen ein begnadeter Autofahrer ist und es in fremden Autos und fremden Umgebungen vermutlich mit vielen usbekischen Fahrschülern, die das erste Mal in Lissabon sind, aufnehmen kann, ist so eine schmale gewundene Küstenstraße selbstredend genau das richtige, um zu üben. Gleich beim ersten Versuch zu wenden bleibt der Yaris im Kies stecken, die Malaise lässt sich aber leicht beheben und von nun an wird’s besser.

Am Fjord entlang

Am Fjord entlang

Wörter sind so ungenügende Vehikel, die Schönheit und Erhabenheit der Natur zu beschreiben, die sich rings um mich erstreckt und nicht enden will. Hinter jeder Kurve ein neues Wunder – ein schneebedeckter Gipfel, der ins Blickfeld rückt, eine Nebenarm des Fjords, der in einem grünen Tal verschwindet, ein dünnes silbernes Band, das als Wasserfall in die Tiefe stürzt, ein einsames Bauernhaus, ein Fischerboot, eine abenteuerlich anmutende Brücke. Schließlich ein kleines unschwer zu übersehendes Schild „Glymur“ und eine kleine Straße, die an einem verlassenen Schuppen vorbei führt, schließlich zum Sandweg wird und hinter einer klapprigen Brücke steil und schlammig eine Hügelkuppe hinaufführt und verschwindet. Ich zügle mein Auto, wende es, binde es an einem sicheren Ort an den Zaun und gehe zu Fuß weiter. Wie ich da so wandere, jagen ständig Yarisse und andere Kleinwagentiere an mir vorbei und ich beschließe, das nächste Mal nicht so ängstlich zu sein. Nach einem knappen Kilometer ein Zaun, daran kleben zwei Schilder, eines in schönstem Isländisch, das andere eine Luftaufnahme der Gegend zeigend, mit markierten Punkten, aber ohne Wege. Die Einrichtung des großen berühmten Glymur-Wanderweges (in keinem Reiseführer fehlt er und auch nicht der Hinweis: die Wanderung dauert ca. 1 Stunde) muss zu einer Zeit stattgefunden haben, als sich die nutz- und segensreiche Erfindung „markierte Wanderwege“ noch in einem sehr frühen Experimentierstadium befunden hat. Und so sehe ich einige Gestalten auf jenem Stück grünen sanft hügeligen Landes umherirren, die der einen oder andern vermeintlichen Spur zu folgen glauben, und ich mitten unter ihnen. Früher oder später aber stößt eine jede auf eine Schlucht, an deren Ende der ersehnte Wasserfall mit einiger Berechtigung zu erhoffen ist.

Die Gefährten überqueren den reißenden Fluss

Die Gefährten überqueren den reißenden Fluss

Zwei Franzosen vor mir entdecken es als erste: Auf einen großen Stein am Rande der Schlucht ist ein blauer Pfeil gemalt, der bei großzügiger Interpretation seiner Richtung auf einen kleinen, schwindelerregend steilen Pfad weist, der kaum erkennbar die Schlucht hinunterführt und in einer Art Höhle endet. Diese wiederum entpuppt sich als Durchgang, der nach einigen weiteren steilen Metern auf den Grund der Schlucht führt. Nun ist tatsächlich ein Weg zu erkennen, der durch dichtes Gestrüpp und über holprige Steine führt bis zu einem Baumstamm, der über den Fluss gekippt ist und über den jemand – vermutlich das stets fürsorgliche isländische Verkehrsamt – eine Stahltrosse gespannt hat. Wie abenteuerlich! Ist letztendlich aber sehr unkompliziert zu bewältigen. Die andere Seite des Flusses jedoch gibt Rätsel auf. Am Fluss entlang, den Hang hinauf, links oder rechts?

Die Gefährten erreichen den Wasserfall

Die Gefährten erreichen den Wasserfall

Spontan bildet sich eine franco-helvetico-allemannische Kraxelgenossenschaft, Expeditionssprache französisch, weshalb meine aktive Rolle leicht eingeschränkt war. Allerdings ging es ja auch nicht um alpinistische Raffinessen, sondern ums nackte Überleben, oder besser: den Wasserfall. Nach drei oder vier Anläufen, die sich als Fehlschläge erweisen: „Est-ce qu’il y a un chemin?“ – „Hein, eh, je ne sais pas, eh, oui peut-être, eh, mais c’est trop dangereux…“ – „J’aui trouvé un chemin.“ – „Oh lala, je na vas pas cette chemin…“ ist das Ziel aber schließlich erreicht. Auf halber Höhe des Wasserfalls, einige hundert Meter weit weg, ist die Aussicht gigantisch. Sowohl auf den Wasserfall als auch auf das gesamte Tal, das wir durchwandert haben. Hier trennt sich die Gemeinschaft der Wandergefährten und ein jeder ging, das zu tun, was ihm aufgetragen war (oder wozu er geerade Lust hatte). Nach einer Stunde bin ich wieder am Auto und fahre zufrieden und gemütlich den Rest des Fjordes ab.

Ein Ort. Es wird einsamer.

Ein Ort. Es wird einsamer.

Ein möglicher Endpunkt diese Tagestour wäre Bogranes, aber es ist erst halb fünf, die Gegend scheint nicht besonders aufregend, der Ort auch nicht und das Fahren macht Spaß. Also frische ich angesichts des bevorstehenden Sonntags nur kurz im örtlichen Bónus meinen Proviant und meine tägliche Ration junger hübscher blonder Isländerinnen auf und wende mich der Halbinsel Snaefellsness zu, denn von der Straße nach Bogranes aus habe ich in der Ferne schon den Snaefellsjökull leuchten sehen und dieses Leuchten zieht mich magisch an. Als Ziel der Fahrt habe ich mir nun Arnarstapi ausgesucht, einen vermutlich kleinen Ort am Fuße des Snaefellsjökull, laut Karte mit Campingplatz und noch 130 km entfernt. Das sollte in zwei Stunden zu schaffen sein.

Snaefellsjökull - und ewig lockt der Vulkan.

Snaefellsjökull - und ewig lockt der Vulkan.

Dann wird es sehr einsam und atemberaubend. Links der Atlantik mit flacher Küste, rechts eine nicht enden wollende Wand rötlich-brauner karger Berge, die terrassenartig abfallen, dazwischen ein schmaler Streifen Grün, einzelne Bauernhöfe, Schafe, Pferde. Alle 500 m mag ich am liebsten anhalten und schauen, ob nicht Thor entschieden hat, dass ich fortan hier leben solle, weil die Säulen meines Hochsitzes hier angeschwemmt wurden.

Kurz vor Arnarstapi endet die asphaltierte Straße und eine überraschend feste und gut zu befahrende Schotterpiste führt um einen kleinen Berg vorbei bis zu einer kleinen Siedlung, die aus 51 Blockhütten (ich habe nachgezählt) und einem riesigen Zeltplatz besteht. Der Zeltplatz allerdings ist eine Unverschämtheit, weil es für happige 1000 Kronen keine junge hübsche blonde Isländerin, keine Dusche und vor allem nur drei Toiletten für die ca. 200 Gäste gibt, die sich gerade auf dem weitläufigem Areal tummeln. Dazu kommt, dass die Toiletten vermutlich seit 10 Jahren nicht renoviert und seit mindestens einer Woche nicht gereinigt wurden. Soeben fällt mir auf, dass es doch eine Dusche gibt, ob deren beschreibungsunwürdigem Zustand sich meine Feder aber weigert, weiter zu schreiben.

Arnastapi, "Campingplatz"

Arnastapi, "Campingplatz"

Der junge mürrische übellaunige Isländer, der in Arnarstapi die sonst übliche Blondine spielt, hat aber keine Probleme damit, große Mengen sehr laut und fröhlich machenden Dosenbiers zu verkaufen und zwar an allerhöchstens gerade erst volljährig gewordene Töchter und Söhne des Landes, die darüber hinaus den Umstand der nicht einkehrenden Dunkelheit zu immer neuen und lauteren Rauf- und Trinkspielen zu nutzen wissen.

Um dem erst einmal zu entfliehen, mache ich mich auf, die nähere Umgebung zu erkunden und werde reich belohnt. Arnarstapi liegt direkt am Meer, statt eines Strandes gibt es ca. 10m hohe Klippen an deren meerzugewandter Seite tausende von Seevögeln nisten, Möwen zumeist, wie meine schwach ausgeprägten ornitologischen Kenntnisse mir weismachen will. Entlang dieser Klippen führt ein sogar halbwegs markierter Weg, der sich mal näher, mal ferner der Küste durch ein bizarr anmutendes Lavafeld windet. In wacklig aussehenden Formationen türmt sich das Gestein manchmal bis zu 20m hoch und die dunkelgrauen Steine sind mit einer gelblich-grünen Moosschicht überzogen. Das Dorf verschwindet völlig, auf der einen Seite das Meer, auf der anderen der Snaefellsjökull. Der Weg ist beschwerlich, windet sich durch das erstarrte Lavameer, spitze Steine drücken sich fast durch die Schuhe aber es ist himmlisch. Nach ca. einer Stunde Weges komt das nächste Dorf, Hellner, in Sicht und ich klettere auf einen höher gelegenen Felsen, genieße für einige Zeit das Rauschens der Brandung, den Geruch des Windes, die wilde Schönheit der Lavafelsen und des Berges.

Die Felsen, die Brandung und die Berge.

Die Klippen, die Brandung und die Berge.

Zurück beim Campingplatz, halb 11 inzwischen, und es beginnt leicht zu nieseln, fällt mir noch ein touristisches Highlight auf, das zu bemerken mir vorhin die lärmenden Einheimischen offenbar unmöglich gemacht haben: Ein liebevoll gestalteter Minigolfplatz, der an Trostlosigkeit nur durch den Anblick des Ortes selbst überboten wird. Die Bahnen sind durch gemähtes Grad markiert, die Löcher durch kleine rostige Stangen. Wohl um den kümmerlichen Eindruck zu kaschieren, den das ganze macht, sind wahllos alte Walknochen auf dem Platz verstreut. Spielen allerdings will niemand, jedoch führt eine Ameisenstraße über den Platz, auf der, fein im Gänsemarsch, Dosenbiernachschub transportiert wird. In der Nacht wache ich immer wieder auf, wenn wieder jemand über mein Zelt stolpert und dabei mutmaßlich unanständige isländische Lieder singt.

Endlich wieder Schnee, der alte war ja fast weggetaut. Heute morgen mal wieder mehr als eineinhalb Stunden für die 12 Kilometer in die Stadt gebraucht. Der Deutschlandfunk – die wollen schließlich noch was anders als Verkehrsmeldungen senden – meldet nur noch Staus ab 10km. Drei davon rund um Osnabrück. Bald, bestimmt bald, wird es Frühling.

In Hans-Magnus Enzensbergers höchst interessantem Werk “Hammerstein oder der Eigensinn” sprang mir heute ein Satz aus Ruth von Mayenburgs Erinnerungen entgegen:

Ich war dabei [...], in die Sicherheit eines Daseins zu entfliehen, wo die Forderungen der Zeit nur von ferne zu hören waren.

Nun möge sich jeder fragen, ob das eine verlockende oder abschreckende Perspektive wäre. Und die Antwort darauf sagt dann vermutlich etwas über den eigenen Bezug zu und Umgang mit der Zeit aus.

Wer kennt das nicht? Die Festplatte oder neuerdings auch der USB-Stick sind fast voll, Aufräumen ist angesagt. Aber: Wo anfangen? Bei mehreren Dutzend Ordnern, Unterordnern und Unterunterordnern beginnt bereits das Problem, dass ich gar nicht weiß, wo die größten Platzfresser stecken, welche überflüssigen Riesendateien und Riesenordner, sprich: Leichen im Keller, ich noch herumliegen habe.

Die ohnehin für deutsche Ohren besonders putzig-sympathische niederländische Sprache liefert den entscheidenden Lösungshinweis:”Plattegrond”, d.h. “Grundriss”. Und hier ist eben der Grundriss der Festplatte gemeint. Ob dieser sprachlichen Koinzidenz ist es auch nicht verwunderlich, dass das ultimative Festplattenwucherungsüberblickstool aus den Niederlanden stammt: Sequoia View. Auf anderer sprachlicher Ebene passt der Name auch. Bei einem Mammutbaum (Sequoia) den Überblick über jeden Zweig zu behalten, erfordert schließlich auch besondere Maßnahmen.

Sequoia View Gesamtüberblick

Abb. 1: Sequoia View zeigt eine gesamte Festplatte.

Das kleine Windows-Tool leistet Erstaunliches: Auf einen Blick erkenne ich die größten Brocken auf meiner Platte. Ein bisschen Herumfahren mit dem Mauszeiger offenbart Zusammenhänge: Welche Quadrate (es gilt immer: die Größe des Quadrates ist proportional zur Datei- oder Verzeichnisgröße) fressen den meisten Platz, wo lohnt sich Aufräumen besonders? Die Schattierung verdeutlicht Ordnergrenzen, deutliche Pixelrahmen beim Mausnavigieren fassen nochmals zusammen, damit es besser ins Auge springt.

Ein Ordner mit Sequoia View

Abb 2: Detailansicht eines Ordner mit nichtquadratischer Anordnung

Größter Nachteil: Eine aktuelle, große Festplatte mit 200-1500 GByte zu scannen dauert ein paar Minuten. Danach finde ich aber in Sekundenschnelle, was ansonsten Stunden aufwendiger und langweiliger Suche bedurft hätte. Und ich kann im Zweifelsfall durch Konfigurationsoptionen weiter verfeinern: Färbung abhängig vom Dateityp, Eintauchen in Einzelverzeichnisse, ab einer bestimmten Schachtelungsebene zusammenfassen oder bestimmte Typen ausblenden.

Das Freeware-Tool ist Muss und schlägt für mich sogar das gute alte auf der Unix-Konsole einzutippende, aber nie versagende du -k . | grep -v "\/.*\/"

Jetzt wünsche ich mir so ein Tool nur noch für mein IMAP-Postfach, das stark verästelt und ständig überlaufen ist. Dann würde Aufräumen wieder Spaß machen.

Es ist Sommer, die Menschen tanzen. Die Melodien sind unterschiedlich, aber die Stimmung gleich. Manchmal sogar die Tanzschritte:

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