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In Hans-Magnus Enzensbergers höchst interessantem Werk “Hammerstein oder der Eigensinn” sprang mir heute ein Satz aus Ruth von Mayenburgs Erinnerungen entgegen:

Ich war dabei [...], in die Sicherheit eines Daseins zu entfliehen, wo die Forderungen der Zeit nur von ferne zu hören waren.

Nun möge sich jeder fragen, ob das eine verlockende oder abschreckende Perspektive wäre. Und die Antwort darauf sagt dann vermutlich etwas über den eigenen Bezug zu und Umgang mit der Zeit aus.

Wer kennt das nicht? Die Festplatte oder neuerdings auch der USB-Stick sind fast voll, Aufräumen ist angesagt. Aber: Wo anfangen? Bei mehreren Dutzend Ordnern, Unterordnern und Unterunterordnern beginnt bereits das Problem, dass ich gar nicht weiß, wo die größten Platzfresser stecken, welche überflüssigen Riesendateien und Riesenordner, sprich: Leichen im Keller, ich noch herumliegen habe.

Die ohnehin für deutsche Ohren besonders putzig-sympathische niederländische Sprache liefert den entscheidenden Lösungshinweis:”Plattegrond”, d.h. “Grundriss”. Und hier ist eben der Grundriss der Festplatte gemeint. Ob dieser sprachlichen Koinzidenz ist es auch nicht verwunderlich, dass das ultimative Festplattenwucherungsüberblickstool aus den Niederlanden stammt: Sequoia View. Auf anderer sprachlicher Ebene passt der Name auch. Bei einem Mammutbaum (Sequoia) den Überblick über jeden Zweig zu behalten, erfordert schließlich auch besondere Maßnahmen.

Sequoia View Gesamtüberblick

Abb. 1: Sequoia View zeigt eine gesamte Festplatte.

Das kleine Windows-Tool leistet Erstaunliches: Auf einen Blick erkenne ich die größten Brocken auf meiner Platte. Ein bisschen Herumfahren mit dem Mauszeiger offenbart Zusammenhänge: Welche Quadrate (es gilt immer: die Größe des Quadrates ist proportional zur Datei- oder Verzeichnisgröße) fressen den meisten Platz, wo lohnt sich Aufräumen besonders? Die Schattierung verdeutlicht Ordnergrenzen, deutliche Pixelrahmen beim Mausnavigieren fassen nochmals zusammen, damit es besser ins Auge springt.

Ein Ordner mit Sequoia View

Abb 2: Detailansicht eines Ordner mit nichtquadratischer Anordnung

Größter Nachteil: Eine aktuelle, große Festplatte mit 200-1500 GByte zu scannen dauert ein paar Minuten. Danach finde ich aber in Sekundenschnelle, was ansonsten Stunden aufwendiger und langweiliger Suche bedurft hätte. Und ich kann im Zweifelsfall durch Konfigurationsoptionen weiter verfeinern: Färbung abhängig vom Dateityp, Eintauchen in Einzelverzeichnisse, ab einer bestimmten Schachtelungsebene zusammenfassen oder bestimmte Typen ausblenden.

Das Freeware-Tool ist Muss und schlägt für mich sogar das gute alte auf der Unix-Konsole einzutippende, aber nie versagende du -k . | grep -v "\/.*\/"

Jetzt wünsche ich mir so ein Tool nur noch für mein IMAP-Postfach, das stark verästelt und ständig überlaufen ist. Dann würde Aufräumen wieder Spaß machen.

Es ist Sommer, die Menschen tanzen. Die Melodien sind unterschiedlich, aber die Stimmung gleich. Manchmal sogar die Tanzschritte:

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25. Juni

Verlief der Aufbau des Zeltes am gestrigen Abend trotz Winds noch recht problemlos, ist es heute Morgen äußerst ungemütlich. Strömender Regen, starker Wind, 3° und die bittere Erkenntnis, dass auch der beste Schlafsack Arme nur dann wärmen kann, wenn sie sich im Schlafsack befinden. Abgesehen davon war das Schlaferlebnis überraschend positiv und der gleichförmig trommelnde Regen bewegt mich, mich noch 2, 3 mal umzudrehen und mich erst um 9 Uhr aufzurappeln. Dann noch etwas zusätzliche Trödelei im Waschraum in der Hoffnung, das Zelt sei doch noch im Trockenen abzubauen, aber daraus wird nichts. Es regnet ruhig weiter. Immerhin: Der unschätzbare Vorteil eines Autos bei so einer Zelttour ist es, dass sich das Zelt im nassen Zustand einfach in den Kofferraum werfen lässt. Geht schnell und trocknet sogar halbwegs bis zum Abend.

Von Keflavík nach Reykjavík sind es nur 40 km – wenn man nicht wie ich eine unfreiwillige Stadtrundfahrt durch Hafnafjörður macht. Es ist leicht, das auf eine verwirrende Beschilderung zu schieben. Mir erscheint allerdings die Erklärung angemessener, dass ich unbewusst schon immer erkunden wollte, was sich hinter dem klingenden Namen Hafnafjörður verbirgt. Viel Unscheinbares, wie ich nun berichten kann. Mein außerordentlich zuverlässiger Reiseführer weiß auch fast nur Abstraktes zu berichten: Schon ein großer Hafen, als Reykjavík noch ein Nest war, der Sage nach Wohnort von Elfen, Feen usw. – Hab aber keine gesehen.

Dafür wieder eine dieser netten jungen Isländerinnen, diesmal an der Kasse des Bonus, laut Reiseführer die Supermarktkette, die von allen Touristen geliebt wird. Nun ja – falls ich je in Erwägung ziehen sollte, Supermarktketten zu Objekten meiner Liebe zu machen, werde ich den Bonus-Filialen mit den netten rosa Schweinchen auf knallgelbem Grund Gelegenheit bieten, sich einen guten Platz zu erkämpfen. Im Grunde unterscheidet sich der Bonus nicht von einem mittelgroßen Edeka. Letzterer verkauft jedoch keine rauen Mengen von „Fischflocken“ als Knabberartikel. Schade eigentlich.

Höfði
Reykjavík, Höfði: Reagan und Gorbatschow verhandelten hier über die nukleare Abrüstung.

Gegen 10 Uhr 30 komme ich dann doch in Reykjavík an, einer richtigen Großstadt mit mehrspurigen Straßen und imposanten modernen Bürogebäuden an der Uferpromenade. Irgendwo in der innersten Innenstadt suche ich mir den nächstbesten Parkplatz, nehme meine phantastische neue Hi-Tec-Atmungsktiv-Hält-Alles-Ab-Jacke und stapfe bei immer noch weniger als 5° durch ein triefend nasses Reykjavík. Sehr trostlos einerseits, aber dieser Stadt kann auch bei schlechtem Wetter ein gewisser rauer Charme nicht abgesprochen werden. Über allem thront das Wahrzeichen Reykjavíks, Hallgrímskirkja. Nicht gerade schön, sieht nach Beton aus, aber auch imposant.

Da ich getreu der Maxime eigenaktiver, explorativer Lernschritte keinen Stadtplan mitgenommen habe und auch sonst nicht so genau weiß, was ich in Reykjavík eigentlich sehen will, gerate ich nach zwei Stunden in etwas abseitige Gegenden. Ganz einfache Wohnsiedlungen. Ziemlich hässliche sogar. Mit Waschbetonplattenbauten, zwar nur zweistöckigen, aber das macht es nicht zwangsläufig besser. Hier jedoch, wie überall im Lande ist eine außerordentliche Sauberkeit zu bestaunen. Kein herumfliegender Müll, keine Zigarettenkippen (ich sehe hier ohnehin fast niemanden rauchen). Nur die Autos sind manchmal etwas angeschmuddelt.

Tjörn, Rathaus und Halgrims Kirche
Reykjavík: Rathaus, Tjörn und Hallgrímskirkja

Ein klein wenig frustriert und voll des schmerzlichen Bewusstseins, dass ich vergessen habe, die weichen Einlagen in die Wanderstiefel zu legen, tigere ich erstmal zurück zum Auto. Und so stehe ich gerade an den Ufern des Tjörn, jenes berühmten Sees inmitten von Reykjavík, an dessen anderem Ende schon das postmoderne Rathaus zu sehen ist, neben dem mein Auto wartet und an dessen Gestaden sich mehr als 40 Vogelarten heimisch fühlen, als plötzlich, unerwartet und die ganze Stadt verzaubernd, die Wolken aufreißen und die Sonne hervorkommt. Die Schuhe wechseln, kurz in den Stadtplan schauen und eine andere Runde drehen.

Reykjavik, Innenstadt
Reykjavík bei Sonne

Unfassbar diese Verwandlung: Aus der eben noch schwermütig grauen Stadt wurde mit einem Schlag eine fröhliche pittoreske Szenerie voller kleiner bunter Liebenswürdigkeiten. Also schaue ich mir all die Touristenhighlights (noch mal) an und plündere einen Buchladen, nehme haufenweise Souvenirs und schöne Bildbände mit. Ich werde aber wohl am vorletzten Tag noch mal nach Reykjavík fahren müssen, weil ich soviel vergessen habe. Sehr weise, noch 5kg Souvenir-Reserve ins Gepäck eingeplant zu haben.

Reykjavik, von See aus
Reykjavík, von See aus

Am Hafen fällt mir dann auf, dass in wenigen Minuten ein nettes kleines Bötchen zu einer netten kleinen Insel fährt, wo tausende netter kleiner Papageientaucher nisten und die Eigentümer des Bötchens sind gewillt, für ein nettes kleines Entgelt allerlei Touristenvolk mitzunehmen. Allerdings – ein schwerer Mangel der Unternehmung – hat man vergessen, eine junge hübsche blonde Isländerin abzustellen, um die Karten zu verkaufen oder das Boot zu lenken oder nette kleine Geschichten über die netten kleinen Papageientaucher zu erzählen. Das übernimmt ein smarter junger blonder netter Isländer – auch das mag seine touristischen Zwecke erfüllen. Die Fahrt jedenfalls ist Atem beraubend. Reykjavík von See aus, umgeben von hohen Bergen, in der Ferne sogar schneebedeckt – an einen solchen Anblick war heute morgen bei 200m Sicht kein bisschen zu denken. Wie versprochen dann auch tausende von Papageientauchern, deren Insel wir langsam treibend umrunden. Sehr putzige Tierchen! Der bunte Schnabel ist eigentlich zu groß für den Rest des Körpers, den Kopf vor allem. Und die Flügel schlagen viel zu schnell, was dem Tier in der Luft fast jegliche Eleganz nimmt. Faszinierend sind sie trotzdem. Die Rückfahrt zum Hafen wird etwas rauer, weil wieder Wind aufkommt, aber was bitteschön ist eine Bootsfahrt ohne Wind und Wellen?

Schnell ist es halb sieben, die Sonne steht noch hoch am Himmel, aber mein Zelt liegt noch im Kofferraum und will einen neuen Standort. Nach erstaunlich wenig Herumgekurve finde ich den Reykjavíker Campingplatz, vermutlich den bestausgestatteten im ganzen Lande. Die (wie nicht anders zu erwartende) nette junge blonde Isländerin an der Rezeption hat mir für 750 Kronen eine Bapperl verkauft und mich an eine der zentralen isländischen Verhaltensregeln erinnert: „You can’t have your car on the grass.“ Gras ist nämlich wertvoll und erodiert weg wie nichts, wenn erstmal Autos darüber gefahren sind. Flugs das Zelt aufgebaut, die Sonne scheint immer noch und neben dem Campingplatz liegt das große geothermisch beheizte Freibad. Mal schauen, ob abends um 7 noch geöffnet ist, denke ich mir. Badehose und Handtuch geschnappt und nix wie rüber. Eintritt ist günstig – kein Wunder, wenn die Heizenergie einfach so aus der Erde kommt – und die Öffnungszeiten großzügig: bis 22 Uhr 30.

So ein Freibad in Island lässt sich mit einem deutschen Freibad nur mit Gewalt vergleichen. Dient letzteres oft als Spaß- und Planschvergnügen für Halbstarke, Heranwachsende und junge Familien (von den üblichen Renter-„Passen Sie auf, wo Sie hinschwimmen!“-Zeiten abgesehen), ist ein isländisches Freibad ein Ort gesamtgesellschaftlicher Kommunikation und Kultur. Und das durchaus nicht ohne Eigenheiten. So befindet sich in der Männerumkleidehalle (Kabinen? Nix!) eine Waage, auf die jeder, indem er außerdem der mehrsprachig angeschlagenen und peinlich genau kontrollierten Vorschrift, vor dem Baden unbedingt nackt und mit Seife zu duschen, in besonders voraus- und herumeilendem Maße nachkommt, steigt, und eine recht laute Gemütsbekundung ausstößt. Mal zustimmend grunzend, mal grimmig grummelnd. Eben so, wie man das von Wikingern erwartet. Ich eifere ihnen  nach und bringe ein eher gemischt-neutrales Geräusch zu Stande.

Draußen ist die Luft doch empfindlich kühl geworden, was den Isländer als solchen aber nicht allzu sehr zu stören scheint. Zwar haben sich Cluster junger netter blonder Isländerinnen gebildet, aber da Tobi ohne Brille jegliche optische Differenzierungsfähigkeit verliert (möglich ist immerhin noch eine Unscheidung zwischen „Hindernis“ und „kein Hindernis“), schwimme ich einfach in dem schönen warmen Wasser einige Bahnen und entspanne dann vortrefflich in einem der „Hot Pots“ bei ca. 40° heißem Wasser.

Zurück im Zelt will ich eigentlich noch ein paar Postkarten schreiben, schlafe aber sofort ein und ratze 10 Stunden durch.

Reykjavik, Campingparkplatz
Reykjavík, Campingplatzparkplatz: Tobis Auto (links) und typisches Auto deutscher Touristen (rechts)

24. Juni

Abgesehen davon, dass den Hamburger Flughafen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen etwas unkommod gerät, verläuft die Spätabendreise reibungs- bis ereignislos. Irritierend höchstens noch die mallorcaesken Verschwisterungsszenen der bunten Reisegesellschaft und des Einzelreisenden, die kurz nach Mitternacht einen Geburtstag begießen. Die fröhliche Bagage ist am Ende so begossen, dass beschlossen wird, nach der Landung gleich mit Vodka weiterzumachen. Der Rest der Geschichte entzieht sich glücklicherweise meiner Kenntnis.

Nach erfolgreicher Landung ist es ein leichtes, auf dem doch recht übersichtlichen Keflavíkurflugvöllur (Leifur Eriksson Airport) in Keflavík (nicht so ein Gewusel wie in Münster/Osnabrück) die Dame mit dem „Fly & Drive Mietwagen“-Schild auszumachen. „You’re here for the Mietwagen? Just follow her!“  – „her“ bezeichnete die erste einer augenscheinlich unerschöpflichen Schar junger, blonder und äußerst freundlicher Isländerinnen, die offensichtlich überall dort postiert werden, wo mit touristischem Verkehr zu rechnen ist. Sehr aufmerksam.

So kommen wir an ein Auto mitten auf dem übersichtlichen Flughafenparkplatz. Silbergrau, ein Yaris, wie gebucht. Die nette junge Frau drückt mir einen Schlüssel in die Hand, dazu einen Zettel und ein bezauberndes Lächeln. „So this is your car, just fill in the form and then I need your Gutschein and your Kreditkarte.“ Flugs sind die Formalia erledigt und sie beginnt schon, sich davon zu trollen, als mir auffällt, dass ich keine Ahnung habe, wie das Auto in zwei Wochen zu seinen Besitzern zurückfindet. „Oh, that’s easy“, sagt sie und klingt dabei immer noch exakt wie Björk. Ihr Grinsen wird breiter, vermutlich in Vorfreude auf mein erstauntes Gesicht, dass ich als durchschnittlicher Mitteleuropäer angesichts des nun beschriebenen Verfahrens auch brav mache. „Just park it somewhere here around the airport, put the key in the Handschuhfach and leave the car open. That’s all.”

Einsteigen, losfahren und den nächsten Campingplatz suchen. Immerhin ist es inzwischen schon halb eins nachts. Und wie zu erwarten gar nicht dunkel. Wie alle wichtigen Straßenabzweigungen auf Island ist auch die Einfahrt zum Keflaviker Campingplatz so ausgeschildert, dass das Schild in exakt dem Moment sichtbar wird, wo es zu spät zum Abbiegen ist. Aber hier findet sich ausnahmsweise schnell eine Möglichkeit zum Wenden.

Keflavik, Zeltplatz, nachts um 1
Zeltplatz in Keflavik, nachts um halb 1

Selbstverständlich ist die Rezeption des Campingplatzes um kurz vor eins noch besetzt und das selbstverständlich mit einer äußerst reizenden Isländerin. Für 600 Kronen (ca. 8 Euro) gibt es ein Bapperl: „Put his on your tent and enjoy your stay“, als wäre es ein Glücksbringer, und ein strahlendes Lächeln.

In jedem ordentlichen bairischen Volksschwank gibt es den Moment, wo alles harmonisch bis langweilig erscheint. Und just in diesem Moment tritt der Dorfsepp auf. So ähnlich auch hier. Auf geht die Tür, es erschient ein etwas zotteliger, unverkennbarer Individualtourist. „Wer känn ai stohr se bocks off mai baik?” Meine Isländerin muss gerade einen Stift suchen, darum antwortete ein bislang unerwähnter, weil stiller Gast: „Wait a moment!”. „Se bocks off mai baik? Se bocks off mai baik? Wer känn ai stohr it?“ – Keine Antwort, Zottel trollt sich.

Später im Waschraum darauf angesprochen, dass er so deutsch geklungen habe, erzählt er mir stolz und in vollendetem wienerisch, dass er gerade angekommen und nun einen ganzen Monat mit seinem Radl um Island herumradeln wolle. Das allerdings ist eine coole Aktion, die ich – falls diese zweiwöchige Weichei-Mietwagen-Probemission erfolgreich verläuft – auch in Angriff nehmen werde. Oder lieber gleich mit dem Pferd!

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